Reviews - The Fox
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Jäger und Gejagte

von Christian Riethmüller, 3. May 2010

 

 

Zum ersten Mal ist „The Fox“ nach einer Novelle von D.H. Lawrence in Deutschland zu sehen: Ryan McBryde hat das Stück am English Theatre spannungsgeladen inszeniert.

Für den Diebstahl der Gans droht dem Fuchs der Tod durch des Jägers Schießgewehr. Doch erst einmal muss der Jäger den schlauen Fuchs stellen, dessen instinktive Handlungen vorausahnen, um ihn zu überlisten. Er muss eins mit dem Fuchs werden.

Die junge Jill (Emily Pollet) und ihre etwas ältere Partnerin Ellen (Rebecca Reaney) sind keine Jäger. Eigentlich haben sie schon ihre Probleme mit der Versorgung einer kleinen Farm, die sie allein im ländlichen England bewirtschaften. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mangelt es an allem, gerade an Nahrung. Deshalb stürzt es die beiden Frauen, deren Beziehung für allerhand Gesprächsstoff im Dorf sorgt, in existenzielle Nöte, dass seit einiger Zeit ein Fuchs regelmäßig ihren Hühnerstall heimsucht. Ellen wird von dem Räuber sogar schon in ihren Träumen heimgesucht und als sie ihn eines Nachts leibhaftig erblickt, ist sie danach davon besessen, ihn zu jagen.

In diese Situation hinein platzt der junge Soldat Henry (John McKeever), dessen Großvater einst die Farm gehörte. Henry wuchs dort auf, bevor er als Jugendlicher nach Kanada floh, wo er seinen Freiheitsdrang eher ausleben konnte. Während Ellen eher unwirsch auf den unerwarteten Besuch reagiert, ist Jill begeistert und setzt durch, dass der Soldat einige Tage helfender Gast auf der Farm sein darf, bevor er zu seinem Bataillon zurück muss. Wie sich schon bald zeigt, versteht Henry nicht nur etwas von Landarbeit und Hühnerzucht, sondern er ist auch passionierter Jäger. Die Saison auf der kleinen Farm ist eröffnet, bleibt nur noch zu klären, wer oder was eigentlich gejagt wird.

„The Fox“, die berühmte Novelle des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence lässt da so manche Interpretation zu und auch Allan Millers Adaption des Stoffs für die Theaterbühne hat die vielschichtige Symbolik der Vorlage geschickt bewahrt. Der britische Regisseur Ryan McBryde ist für seine sehenswerte Inszenierung des Stücks am English Theatre Frankfurt, wo „The Fox“ nun erstmals in Deutschland zu sehen ist, sogar noch einen Schritt weitergegangen. Er hat Millers Bühnenversion um bedeutsame Traumsequenzen aus der literarischen Vorlage erweitert und rückt damit Ellens innere Kämpfe in den Blickpunkt des Zuschauers.

Denn gleich wie der Fuchs Bedrohung ist, so ist er doch auch in seiner gnadenlosen Zielgerichtetheit ein Faszinosum. Und gleich wie Henry auf Ellen bedrohend wirkt, ist sie doch auch magisch angezogen von ihm. Der Fuchs wird zum Symbol für die menschliche Triebwelt, für ein Verlangen, das die Ratio nicht mehr kontrollieren kann.

Offensichtlich ist das sexuelle Verlangen Ellens nach Henry, auch wenn sie mit Jill in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben scheint. Doch auch die absolute Freiheit, der Henry zum Ende seiner militärischen Dienstzeit entgegensieht, scheint Ellen zu faszinieren, die weit mehr als Jill mit den Konventionen und Geschlechterrollen jener Zeit zu brechen bereit ist. Der Jäger Henry steht für Unbändigkeit, während die Dorfbewohner - die „Ladenbesitzer“ wie Henry sie abfällig schimpft - das Immergleiche, den Stillstand verkörpern. Diesem Immergleichen, der Angst vor dem Fremden, ist auch Jill nie entkommen, weshalb es zwangsläufig in der Katastrophe enden muss, wenn Farmer und Jäger einander in der Enge eines kleinen Farmhauses - von Diego Pitarch in eine sehr stimmiges Bühnenbild eingefügt - zu nahe kommen.

Bis dahin ist es ein spannungsgeladener Theaterabend, der ganz wesentlich von den drei vorzüglichen Akteuren getragen wird, die die geniale Vorlage in ein dichtes und faszinierendes Spiel um Verlangen, Macht, Hass und Angst verwandeln.

 

 

 
Frankfurter Neue Presse
Unter dem scheinbaren Frieden lauert die Zerstörung

Von Thomas Ungeheuer, 04. May 2010

 

 

Inszeniert nach einer Novelle von D.H. Lawrence feierte das Drama „The Fox“ eine umjubelte Deutschlandpremiere im „English Theatre“ Frankfurt.

Wenn zwei Menschen miteinander leben und träumen können – wie wertvoll ist dieses Glück? Ellen (Rebecca Reaney) und Jill (Emily Pollet) haben es scheinbar gefunden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg leben die beiden Frauen abseits eines englischen Dorfs, wo man über die ungewöhnliche Beziehung spricht. Sind es gute Freundinnen? Oder verbergen sie hinter den hölzernen Wänden ihres Farmhauses eine Liebschaft?

Was könnte hier mehr stören als ein Eindringling, der sich zwischen die beiden sehr unterschiedlichen Frauen stellt. Allerdings wirkt der junge Soldat Henry (John McKeever) zunächst liebenswert. Auf Urlaub von seinem Bataillon, sucht er seinen Großvater. Aber der frühere Besitzer der Farm ist verstorben. Die heitere und mädchenhaft romantische Jill ist sofort angetan von Henrys strahlendem männlichen Charme. Auch freut sie sich über starke männliche Hände, die ihr bei der beschwerlichen Arbeit helfen könnten. Die ernst und dominant wirkende Ellen hingegen misstraut dem Fremden. Trotzdem duldet sie es, dass Henry bleibt. So verstreichen die Tage.

Der Fuchs, der zuvor nachts mehrere Hühner der Farm gerissen hatte, scheint vergessen, bis er erneut in Ellens bildgewaltigen Träumen erscheint. Wird Henry, der großartige Jäger, die Bestie erledigen? Und welche der Frauen wählt der unbeirrbare Draufgänger als seine Jagdbeute? Ist es die spröde Ellen oder die zart und zerbrechlich wirkende Jill?

Das wärmende Feuer, das im Kamin des Farmhauses brennt, knistert hörbar und scheinbar friedlich. In seiner Beständigkeit weist es dennoch mit seiner subtilen Symbolik auf das unausweichliche Drama der drohenden Zerstörungen hin. Die Frage, wer dabei zu Schaden kommen wird, hält der Regisseur Ryan McBryde über lange Zeit spannend in der Schwebe. Nicht nur mit inhaltsreichen, präzise vorgetragenen Dialogen fesseln seine drei Schauspieler, sondern auch mit ihrer ausdrucksstarken Mimik und in lebendigem Körperschauspiel.

Diego Pitarchs ebenso aufwendiges wie ausgeklügeltes Bühnenbild erleichtert es dem Zuschauer, dem vielschichtigen Geschehen zu folgen. Mühelos folgt er den Ortswechseln der Figuren. So werden D.H. Lawrences reizvolle Gedanken zum Spiel mit männlicher Macht und dessen Faszination ebenso gut begreifbar wie die scharfen Beobachtungen, mit denen er zeigt, wie geschickte Manipulationen den Willen eines Menschen bezwingen können.

 

 
Main Echo
Fuchs, Du hast die Gans gestohlen ...

von Martina Himmer, 05. May 2010

Schauspiel: Allan Millers Bühnenadaption von D.H. Lawrences Novelle „The Fox“ im English Theatre Frankfurt

So ein Fuchs ist ein raffiniertes Tier. Tagsüber macht er sich im Dickicht des Waldes unsichtbar, nachts schleicht er sich an die Farmen heran und verspeist das Federvieh im Hühnerstall. Ihn zu erwischen ist nahezu unmöglich. Weil er schlau ist und sich auf seine Intuition verlässt. Weil er zuallererst der Jäger ist, und nicht der Gejagte. Weil er das ist, was der Mensch nicht ist: ein wildes, unberechenbares Tier.

Diese bittere Erfahrung müssen auch Ellen (Rebecca Reaney) und Jill (Emily Pollet) machen. Die beiden jungen Frauen leben kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges gemeinsam (in einer Art Wohngemeinschaft - oder ist es doch mehr, was sie verbindet?) auf einer Farm in England. Ihnen gelingt es eher schlecht als recht, sich dort als Selbstversorger über Wasser zu halten. Und dann ist da noch dieser hinterhältige Fuchs, der ihnen die Hühner stiehlt. ??Henry fängt den Fuchs ??Als plötzlich Soldat Henry, der früher mit seinem Großvater auf der Farm gelebt hat, während seines Heimaturlaubs (John McKeever) bei ihnen auftaucht, scheint das Fuchs-Problem gelöst. Die beiden Frauen nehmen den jungen Mann für ein paar Tage bei sich auf, er übernimmt »Männerarbeit« am Hof - und erlegt den verhassten Fuchs. Doch die Räubereien auf der Farm hören damit nicht auf: diesmal ist es Henry, der wie ein wildes Tier mit den Frauen und deren Gefühlen Fuchs und Gans spielt. ??»The Fox«, Allan Millers Bühnenadaption der gleichnamigen Novelle von D.H. Lawrence, feierte jetzt unter der Regie von Ryan McBryde Premiere am English Theatre in Frankfurt. Um es vorweg zu nehmen: Es ist eine der beeindruckendsten Produktionen der letzten Jahre, die das Theater zu seinem 30. Geburtstag auf die Bühne gebracht hat. ?

Das liegt zum einen am Stoff: D.H. Lawrence ist mit »The Fox« ein sagenhaftes Gleichnis von männlichen und weiblichen Kräften, die aufeinander einwirken, gelungen. Die Novelle kreist um das ewige Thema der dunklen Seite des Menschseins. Denn Henry, der erst Jill und dann Ellen in sich verliebt macht, verkörpert nichts anderes als einen menschlichen Fuchs, der nichts weiteres im Sinn hat als seinen eigenen satten Bauch. Sein Verlangen stürzt die Beziehung der beiden Frauen in ein Ungleichgewicht, macht die starke Ellen schwach und die kränkelnde Jill zum Opfer, das aus dem Weg geräumt werden muss. ??Es ist ein Abend der starken schauspielerischen Charaktere: Das Spiel der drei Akteure ist beeindruckend, gerade weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das Bühnenbild ist eine Wucht: Set-Designer Diego Pitarch hat eine Farm in einem poetisch-düsteren Zauberwald errichtet, arbeitet gleich auf mehreren Ebenen und erlaubt so, dass die einzelnen Schauplätze der Szenen wie in einem Film ineinander montiert werden können. Das dichte Drama wird durch die hervorragende Lichttechnik von Frank Kaster unterstützt. Ein Abend der starken Bilder, die einen so schnell nicht loslassen. 

 

 

 

 
Offenbach-Post
Die Jagd ist eröffnet

4. May 2010

English Theatre zeigt Bühnenversion von Lawrences „The Fox“

Falsch, rachsüchtig, widerspenstig, schlau und einzelgängerisch: Der Fuchs hat keinen guten Leumund in der Literatur. Auch in der berühmten Novelle „The Fox“ des englischen Autors D.H. Lawrence ist Reineke ein Räuber, der zwei junge Frauen in existenzielle Nöte stürzt.

Ländliches England, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Jill (Emily Pollet) und Ellen (Rebecca Reaney) bewirtschaften gemeinsam eine kleine Farm. Es fehlt an allem und am meisten an Nahrung. Zu allem Übel plündert regelmäßig ein Fuchs den Hühnerstall. Eines Tages taucht plötzlich der junge Soldat Henry (John McKeever) auf. Er sucht seinen Großvater, dem die Farm einst gehörte. Doch statt eines alten Mannes findet er zwei Frauen, deren ungewöhnliche Beziehung für einigen Gesprächsstoff im Dorf sorgt.

Jill ist begeistert von Henry und überredet Ellen, ihn für einige Tage aufzunehmen, damit er ihnen bei der Arbeit helfen kann. Ellen dagegen ist abweisend. Sie ahnt, was die Anwesenheit eines Mannes im Haus bedeuten kann. Tatsächlich wird Henrys Bleiben das Dasein aller Beteiligten für immer verändern.

Der amerikanische Autor Allan Miller hat Lawrences Novelle 1981 für die Bühne adaptiert und die spannende, vielschichtige, voller Symbole steckende Geschichte bewahren können. Regisseur Ryan McBryde hat für seine gelungene Inszenierung des Stücks am English Theatre Frankfurt, wo „The Fox“ nun erstmals in Deutschland zu sehen ist, Millers Version sogar noch verbessern können und zwei fürs Verständnis sehr dienliche Traumsequenzen eingebaut, die Ellens unbewusste Furcht vor Henry erklären. Obwohl der den räuberischen Fuchs töten kann, ist die Jagd damit noch lange nicht beendet. Sie hat erst begonnen und nun versucht ein wesentlich gefährlicherer Räuber die „Chicks“ in ihrem Häuschen zu stellen, das nun wie ein überdimensionierter Hühnerstall wirkt.

Diego Pitarch hat für die klaustrophobisch anmutende Atmosphäre ein so originelles wie beeindruckendes Bühnenbild geschaffen, in dem die drei Darsteller mit famosem Spiel glänzen. Gebannt folgt man ihnen bis hin zur unausweichlichen Katastrophe.  (isi)

 

 

 

 
Frankfurter Rundschau
Der Fuchs mit dem Schießgewähr

von  Judith von Sternburg, 3. May 2010

Das English Theatre bringt D.H. Lawrence Erzählung „The Fox“ beherzt auf die Bühne

 Seine dümmliche Haltung gegenüber der Berufstätigkeit der Frau (Frauen sind zu schwach, zu unengagiert und zu etwas anderem da) hat den Briten D. H. Lawrence nicht daran gehindert, in der Erzählung "The Fox" (1923) ein spannendes Dilemma zu entwerfen. Banford und March, ein kränkelndes Huhn und eine propere scheue Schönheit, bewirten erfolglos eine Farm.

March - denn kernig nennt man sie beim Nachnamen, die seltsamen Emanzen - ist bereits von einem räuberischen Fuchs fasziniert, als dieser den beiden Frauen in Menschenform begegnet: Henry, erst zwanzig, eben aus dem Krieg heimgekehrt und der geborene Jäger, interessiert sich für den Hof und für March.

Die Frauen gewähren ihm Unterschlupf, er erschießt ihnen dafür den Hühnerdieb, an dessen Stelle er in Marchs Fantasie längst selbst gerückt ist. March, hin- und hergerissen zwischen Freundin und Fuchs, gibt ihm halbherzig nach. Als sie sich doch für die entrüstete Banford entscheidet, kann der Fuchs nicht von ihr lassen. Das ist der Jagdinstinkt.

In Henrys stark eingetrübtem Sieg liegt Lawrences Genialität als Schriftsteller, der klüger ist als der Frauenhasser. In der etwas grobschlächtigen Variante, die dieser vage Ausgang nun im English Theatre Frankfurt erfährt, liegt die einzige ernsthafte Schwäche von Ryan McBrydes Inszenierung.

Henry wird hier zum offenen Gewalttäter, der die zähneklappernden Frauen mit dem Gewehr bedroht und March nach Art der Lauter-Brüllenden unterwirft. So geht ein Fuchs nicht vor. Der sorgt für einen tödlichen Haushaltsunfall und raspelt Süßholz, an das er selbst glaubt. Möglicherweise hatte Allan Miller, Autor der Bühnenfassung, den Eindruck, das Innerste nach außen kehren zu müssen, um einem Theaterpublikum die Konstellation plastisch zu machen. Das geht aber auf Kosten der von Lawrence trefflich beobachteten Uneindeutigkeit. McBrydes Umsetzung ist ansonsten beherzt und geglückt. Die naturalistische Bühnenfarm von Diego Pitarch - inklusive Bauernhof-Geräuschkulisse - verwurzelt das Geschehen in einer konkreten und anstrengenden Situation. Constanze Walldorf liefert die bodenständige, zeitverbundene Kostümierung dazu.

Das Darsteller-Trio flirrt nicht vor Ambivalenz, überzeugt aber mit Mumm und Ausstrahlung: Emily Pollet zeigt als Jill (Banford) die Personifikation der fleißigen Hausfrau und heiklen Klammeräffin. Rebecca Reaney ist als Ellen (March) die verschlossenste Auster der Saison.

John McKeever kann sich als Filou Henry sehen lassen. Den Abgrund hinter seinem Bübchenlächeln darf man gelegentlich ahnen und bei D. H. Lawrence nachlesen - wie überhaupt der Abend den Griff zu dieser mittlerweile ein wenig aus der Mode geratenen Erzählung (übrigens 1967 in der Regie von Mark Rydell mit Sandy Dennis, Anne Heywood und Keir Dullea verfilmt) nicht ersetzen sollte.

Marchs Träume inszeniert McBryde voll aus, mit Gruseleffekten, Choreografie und als Füchsen verkleideten Herrn. Die Komik, die darin bisweilen liegt, mag ungewollt sein, ist aber passend. Das Lächerliche und Läppische liegt stets dicht an unseren Sehnsüchten.